NABU Bad Münder feiert Apfelfest
Dienstag, 29. September 2026 - Zeitung
Kleine Äpfel, großer Klimastress
Beim Apfelfest des NABU in Böbber wird nicht nur geerntet: Die Streuobstwiesen zeigen, wie Hitze und Trockenheit die Natur verändern
Von Christoph Huppert
Der Apfel sieht ein bisschen verloren aus. Klein, unscheinbar, längst nicht so prächtig wie die Früchte aus der Werbung. Doch für den NABU Bad Münder ist auch dieser Apfel wertvoll. Er wird eingesammelt, später gepresst und als Saft verkauft. Vor allem aber erzählt er eine Geschichte über einen Sommer, der den Obstbäumen zugesetzt hat.
„Die sind klein. Das ist der Trockenheit geschuldet“, sagt Matthias Großmann, Vorsitzender der NABU-Ortsgruppe Bad Münder. „Wir hatten den ganzen Sommer eine extreme Trockenheit und Dürre.“
Auf der Streuobstwiese bei Böbber rascheln die Netze, Äpfel fallen ins Gras, Helfer sammeln die Früchte auf. Es ist Apfelfest beim NABU. Aber eigentlich ist es vor allem ein Arbeitseinsatz. Denn in wenigen Tagen wird es ernst: Der „Mostexpress“, eine mobile Mosterei, kommt nach Böbber. Bis dahin müssen möglichst viele Äpfel zusammenkommen.
Kleine Früchte, große Wirkung
Rund zehn bis 20 Helfer werden an diesem Tag erwartet. Einige fehlen, weil gleichzeitig Schulfeste und andere Veranstaltungen stattfinden. Beim späteren Pressen wollen sie wieder dabei sein. Denn auch das ist eine Gemeinschaftsaktion: Die mobile Presse muss mit Äpfeln gefüttert werden, der fertige Saft muss anschließend abgeholt werden.
Der Saft bleibt nicht allein beim NABU. Er wird verkauft, Vorbestellungen gibt es bereits. Das Geld fließt zurück in die Arbeit vor Ort – in neue Obstbäume und in die Pflege der vorhandenen Streuobstwiesen.
Der NABU Bad Münder verfügt über vier größere Streuobstwiesen. Dazu kommen zahlreiche Bäume an den Verbindungswegen zwischen Böbber, Hamelspringe, Eimbeckhausen und Egestorf. Viele davon hat die Gruppe selbst gepflanzt.
Es ist also eine Menge Landschaft, um die sich die Ehrenamtlichen kümmern.
Keine Plantage, sondern Lebensraum
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, möglichst große Äpfel zu produzieren. „Wir machen keinen Erwerbsobstbau“, sagt Großmann. Die Bäume sollen nicht nur Früchte liefern. Sie selbst seien Teil des Naturwertes der Streuobstwiese.
Gerade deshalb dürfen die Bäume auch wachsen, wie es ihrem natürlichen Charakter entspricht. In den ersten Jahren benötigen sie regelmäßige Pflege und einen gezielten Schnitt. Später genügt – abhängig von Baumart und Zustand – ein Schnitt alle drei bis fünf Jahre.
Auf der alten Wiese bei Böbber wachsen überwiegend gewöhnliche Sorten. Seltene historische Sorten finden sich dagegen auf anderen NABU-Flächen, unter anderem am Schiefen Brink und an der Süntelstraße. Dort gibt es Sorten, von denen nur noch wenige Exemplare vorhanden sind.
Und dann ist da noch die Goldparmäne. Eine davon landet an diesem Nachmittag im Erntenetz. Klein ist sie. Zum Essen vielleicht nicht gerade ein Erlebnis. Aber für den Saft ist sie allemal gut.
40 Grad sind nichts für Apfelbäume
Dass die Früchte in diesem Jahr so klein bleiben, ist für Großmann keine Überraschung. Die Hitze hat Spuren hinterlassen.
„Äpfel mögen es eher kühl und ein bisschen feuchter, aber nicht so heiß und trocken“, sagt der NABU-Vorsitzende. Temperaturen von 40 Grad, wie sie im Sommer teilweise erreicht wurden, seien für Apfelbäume alles andere als günstig.
Auf der Streuobstwiese wird damit sichtbar, was sonst leicht abstrakt klingt: Klimaveränderung. Trockenheit ist nicht nur ein Thema für Wetterkarten und wissenschaftliche Berichte. Sie entscheidet darüber, wie Bäume wachsen und welche Früchte am Ende an ihnen hängen.
Auch Jens Becker, Grossmanns Stellvertreter, beschreibt die Entwicklung als grundlegende Veränderung der Lebensbedingungen. Die Temperaturen steigen, gleichzeitig verändert sich die Wasserverfügbarkeit. Besonders Europa erwärme sich derzeit stark.
Alte Sorten als Antwort
Der NABU versucht, darauf zu reagieren. Ein wichtiger Baustein ist die Vielfalt. Rund 150 alte Sorten gehören nach Angaben des Vereins zum Bestand. Darunter befinden sich Sorten, die möglicherweise besser mit Hitze und wechselnden Wetterbedingungen zurechtkommen.
„Mit der Artenvielfalt in unseren Streuobstwiesen wollen wir natürlich auch ein Stück weit Klimaanpassung betreiben“, heißt es. Bei neuen Pflanzungen werde deshalb darauf geachtet, klimaresiliente Bäume auszuwählen – Bäume also, die auch in 20, 30 oder 40 Jahren noch eine Chance haben.
Das ist eine langfristige Aufgabe. Ein heute gepflanzter Obstbaum ist schließlich kein kurzfristiges Projekt. Er soll Jahrzehnte überdauern.
550 Mitglieder – aber Helfer werden gebraucht
Die NABU-Ortsgruppe Bad Münder hat etwa 550 Mitglieder. Bei der Mitgliederzahl könne man sich nicht beklagen, sagt Großmann. Schwieriger sei es, ausreichend Aktive für die praktische Arbeit zu gewinnen.
Und dann ist da Maike vom Otto-Hahn-Gymnasium in Springe. Sie steht mitten im Baum, zwischen Blättern und Äpfeln, und pflückt, was die Äste hergeben. Ein schönes Bild für dieses Apfelfest: Junge Menschen packen mit an – und erleben ganz nebenbei, wie viel Arbeit und Natur in einem Apfel stecken.
Auch der Nachwuchs bleibt ein Thema. Kinder seien mit Begeisterung dabei. Im Jugendalter würden jedoch häufig andere Dinge wichtiger. Manche kämen später als junge Erwachsene wieder zurück, wenn sie sesshaft geworden seien und eine Familie gegründet hätten.
An diesem Nachmittag ist immerhin ein besonders junger Helfer dabei: der vierjährige Enias aus Eimbeckhausen. Für ihn ist die Apfelernte noch etwas Besonderes. Beim vergangenen Mal war er noch so klein, dass er das Geschehen kaum bewusst mitbekommen hatte.
Vielleicht ist genau das ein Teil dessen, was eine Streuobstwiese leisten kann: Sie liefert nicht nur Obst. Sie bringt Menschen zusammen, bewahrt alte Sorten, schafft Lebensraum – und macht sichtbar, wie sich die Umwelt verändert.
Am Ende werden die kleinen Äpfel in Säcken und Netzen liegen. In der kommenden Woche werden sie zu Saft. Aus einer schwierigen Ernte wird damit wenigstens noch etwas Gutes.
Und der kleine Apfel von Böbber hat dann vielleicht mehr zu erzählen, als man ihm auf den ersten Blick ansieht.
Fotos: Christoph Huppert




